Classics vom 11.04.2011

Um es kurz zu machen, ich wiege zurzeit 170 kg, hatte vor 4 Jahren einen leichten Infarkt. Habe starke Rückenprobleme, die Gelenke quietschen freudig wenn ich mich bewege. Kleidung kaufen heißt bei Größe 76/78 nur die Auswahl zwischen 1 Teil von einem Versandhändler zu haben oder sich selbst etwas aus einem 2 Personenzelt zu nähen. Der Vorbau sieht aus, als wenn man schwanger ist, nur halt im 94ten statt dem 9ten Monat.

Im Garten beim Aufbau eines Komposter, wo die Bretter nur zusammengesteckt werden mussten, sah ich hinterher aus als wäre ich durch eine Waschstraße gelaufen und hätte eine Vollwäsche für Autos hinter mich gebracht.

Gut, nach Herzstichen im letzten Jahr, wusste ich: Es ist soweit, etwas muss passieren.

Das Ergebnis: es muss sich etwas ändern. Also Ernährung umgestellt. Fortan kochte nicht mehr meine schwerbehinderte Mutter, sondern ich selbst. Es hab kein Fertigessen mehr, sondern frisch zubereitete Mahlzeiten. Der einzige Harken: Gekocht wurde abends, denn wer mittags gerade mal 40 Min. zuhause ist, kocht sicherlich nicht mehr mit Genuss und Freude.

Nach und nach ging ein Kilo nach dem anderen. Bis zu einer gewissen Grenze wo dann Schluss war.

Zwar nicht die Masse, aber ein Anfang. Gut, diese Umstellung lag zum Jahresende. Weihnachtszeit, Winter. Ihr kennt das Ganze. Nix weiter mit Abnehmen, ein paar Kilos (zum Glück nicht alle) kamen wieder zurück. Immerhin Gesund gegessen, denn Wunder oh Wunder, die Blutwerte beim Arzt waren plötzlich wieder 1a, nein nicht 1a sondern 1 mit Sternchen. Immerhin etwas.

Nun hatte ich seit Neujahr andere Probleme, die das Problem Gesundheit überlagerten. Eine leichte Winterdepression kam noch hinzu. Also erstmal 4 Monate Schwamm drüber.

Aktuell zieht ja mit Bernd Stelter ein Promi, der einen siebenjährigen Gesundheitsexzess hinter sich hatte und zuletzt innerhalb eines Jahres mal locker 40 kg abgenommen hat, von Sendung zu Sendung und promotet sein Buch „Wer abnimmt hat mehr Platz im Leben“. Gut, ich mochte Stelters Art von Humor, da dieser noch recht natürlich ist und nichts mit dem Fäkalwitzen, mit dem sich einige Comedians anderen abzusetzten, zu tun hatte.

Mein erster Gedanke: Wieder mal einer der Promis die meinen zu einem Thema irgendwas schreiben muss. Innerlich stellte sich bei mir schon das Gähnen ein.
Gut, irgendwie brauchte mein neues Navi eine Hülle, damit mein Schlüssel in der Hosentasche mangels Platz nicht irgendwann das Display erdolchte. Und ich bestellte mir das Buch als Hörbuch mit. Wo habe ich am längsten meine Ruhe… beim Autofahren. CD reingelegt und Bernd fing an zu plappern.

Von seinen ersten Lauferfolgen, die ich nachvollziehen konnte, hatte ich doch vor etwa 15 Jahren selbst mal so mit Laufen angefangen, bis ein Autofahrer meine Fussgelenke demoliert und mir das Laufen zur Qual machte.
Auch die Erkenntnis des 130,5 kg sind genug, konnte ich nachvollziehen. Nur das ich keine Waage brauchte um zu dieser Erkenntniss zu erlangen. Hierzu reichte das Bestellen neuer Hose, die trotz selber Größe wie bisher und selben Modell plötzlich als neue Hose nur gerade so passen wollten.

Gut, Bernd zeigt keine ultimative Lösung, aber immerhin beweißt er, dass man etwas erreichen kann, wenn man sich anpasst, umstellt und dranbleibt. Und das mit dem Schweinehund kenne ich auch, ich habe immerhin einen ganzen Tierpark, der neben Schweinehund, noch Muskelkater auch noch eine Waschbärbauchfamilie beherbergt. Man muss nur irgendwann sagen: Schluß, aus, alles hört jetzt auf mein Komando.

Stellt sich die Frage, welchen weg will ich gehen.
Sport? Naja. Geht es nach den Gelenken sollte ich eher Radfahren. Aber stellen sie sich ein Kollos wie mich auf einen Fahrrad vor. Das hätte vermutlich denselben Effekt als wenn man ein Nilpferd versucht einen Drahtseilakt beizubringen. Und dabei wäre nicht mal die Wahrscheinlichkeit hoch, das ich aufgebe, eher würde das Fahrrad an Materialermüdung sterben.

Und Schwimmen? Ne danke. Wenn ich im Urlaub an der Küste entlanglaufe geben die Beoberachter der DLRG ohnehin schonmal vorsorglich eine Tsunamiwarnung aus. Schwimmen liegt mir einfach nicht. Ich mag es nicht, habe es noch nie gemocht – auch nicht wo wir Schwimmunterricht in der Schule hatten. Und wieso sollte ich etwas regelmäßig machen, was ich gar nicht mag. Das ist ohnehin die KO-Voraussetzung für Sport wenn man etwas nicht mag, denn dann kommt er wieder raus, stark wie nie – der innere Schweinehund und er wird siegen.

Also Laufen. Der Harken an der Sache, durch mehrere Unfälle sind die Fussgelenke klapperig wie ein 30 Jahre alter Ford Mustang, der nie gewartet wurde und nun durch den TÜV soll. Und wenn Stelter mit Inverstraining begann (1 Min. Laufen, 2 Min. gehen) würde es bei mir aussehen, das ich 10 Sekunden laufe und dann 2 Std. Koma-Zelt benötige. Also normales Lauftraining wird nicht gehen. Sogar mein Hausarzt würde mir hier nicht nur die Gelb-Rote Karte zeigen, nein die Karte wäre tief rot, fast schon lila, damit ich bei meiner Grün-Rot-Farbsehschwäche auch erkenne, das hier Schluß mit Lustig ist.

Naja gut, Laufen fällt flach. Aber was ist mit gehen? Ich sag es mal so. Wirklich laufen kann man mit 160 kg und mehr eigentlich nicht mehr. Wäre man beim Film würde man eine Extremzeitlupe benutzen und eine glorreiche Musik wie Conquest of Paradise im Hintergrund laufen lassen, so das alle trotz der Geschwindigkeit bei der eine Schnecke mit Leichtigkeit an einem Vorbeiziehen würde schnell aussieht. Aber ich habe mehrere Möglichkeiten zu gehen. Eben Normal, wie ich immer gehe und eben schneller, was entsprechend dann auch mehr anstrengt. Also wäre das nicht die Alternative? Ich meine bevor ich gar nichts mache.

Dies würde mir gleichzeitig auch Zeit geben. Denn bevor ich wieder richtig laufe müsste ich einen Arzt finden, der sowohl meine Fussgelenke als auch meine kaputte Wirbelsäule wiederzurechtflickt. Ich fand die Passage bei Bernd so gut, wo er über seinen Arzt sprach: Bernd sollte laufen und der Arzt würde dafür sorgen, das er es weiter auch kann.

Ok, also gehen.

Die Idee mit dem Schlank im Schlaf hört sich nicht schlecht an. Wobei ich sagen muss, Bernd hat es in seinem Buch gut getroffen. Schlank im Schlaf hört sich etwas an wie Geldverdienen ohne Arbeit oder wie Olympiasieger ohne Teilzunehmen an. Ob es bei mir nun Schlank im Schlaf wird keine Ahnung. Dazu muss ich mir erstmal etwas anlesen, wie das gehen soll. Besondere Schwierigkeit. Als Voll Berufstätiger und Versorger einer Schwerbehinderten die zudem noch Diabetes hat, muss ich erstmal sehen, wie ich ihre und meine Ernährung in Einklang bringe, ohne zuviel zu verbiegen, mehr zu machen oder drei Piroetten mit vierfachen Rittberger zu drehen.

Von jetzt an bin ich also Schlank. Ich wiege zwar immer noch um die 160 Kilo, aber es geht los. In zwei Jahren habe ich meinen 40ten Geburtstag und spätestens dann möchte ich mir wieder Kleidung in einem normalen Geschäft zu normalen Preisen kaufen können. Ich möchte wieder meine 10 km durchlaufen können und noch genug Reserve haben noch eine zweite Runde mit derselben Distanz hinten dran hängen zu können. Ich möchte auch wieder Laufen können ohne das der verdrehte Wirbel im Rücken oder meine Fussgelenke zwicken.

Nein, ich will gar nicht mein Idealgewicht erreichen, wieso auch. Ich will eben meinen Umfang wieder in den Bereich zurechtrücken , dass ich wieder „normal“ wie andere am Leben teilhaben kann ohne laufend den Bauch einzuziehen, obwohl dies ohnehin nicht mehr als nur 5 mm brachte.

Neben dem Stelter-Buch gab es am Wochenende ein Initialerlebnis, besser gesagt drei. Im Garten sollen bald einige Hochbeete stehen. Gut, eigentlich sind es umfunktionierte Komposter, aber 70 cm ist 70 cm hoch und mit bischen Ideenschmalz schlägt man die Probleme wie man eine Hecke elegant entsorgen soll, Gartenarbeit ohne Rücken kaputtmachen machen soll und trotzdem leckere Gurken erntet mit einer Klappe. Mit dem Häcksler reichlich Dauerfeuer. Kompostgestell nach unten mit Unkrautfließ, wegen dem Wasserabfluss zu den Wänden mit Folie dicht gemacht. Häckselgut 2/3 in den Komposter, oben 1/3 Erde drauf. Dann rein mit die Gurken. Unten entsteht ein schneller Brüter, die Regenwürmer die mit umziehen durften sind zur Sprunghafen vermehrung eingeladen und guten Appetit. Die dürfen und sollen futtern. Ich bin erst später dran.

Nun brauchen auch Hochbeete Wasser. Etwas Regen auf 4 mal 1 x 1 m dürfte auch den genügsamsten Gurken zu wenig sein. Nun tropft unser alter Wasserhahn am Haus wenn Wasserdruck drauf ist aus der Stellschraube raus. Nicht schön, macht auch das Haus nass. Meine Mutter – wohl gemerkt schwerbehindert und immer darauf bedacht dass es leicht wird – sieht beim hiesigen Baumarkt ein Angebot. Bewässerungsanlage, mehrere Ausgänge für Gartenschlauch, Wasserauslauf, aufrüstbar mit Bewässerungssystem und allen pipapo. Ich nehm die Kiste in die Hand, guck auf das Edikett und sehe den Preis: 99,90 € statt bisher 119,00 €. Ich legte die Kiste zurück, lies meine Mutter fragend stehen.

Ging in die Sanitärabteilung, ging in den Außenbereich. Kam zurück. Meine Mutter schaute mich entgeistert an. „Was hast Du denn da?“, fragte sie mehr als nur fragend. „Unser neues Bewässerungssysem“, antwortete ich nur und präsentierte einen neuen garantiert nicht aus der Stellschraube tropfenden Wasserhahn für außen für 5,90 €, sowie zwei mittelgroße Gießkannen in schönsten Grün für jeweils 2,99 €. 11,88 € zu 99,90 € war für mich ein schlagendes Element. Zudem mehrmals im Garten hin und her laufen, damit auch alle Pflanzen ihr Nass bekommen. Und zwei Kannen; na ihr wisst schon für den Rücken, damit man diesen gleichmässig belastet und gerade geht.

Dann passierte mit im Supermarkt ein Wunder. Ich sah einen Mann der deutlich noch korpolenter war als ich. Wenn ich so um die 160 kg wiege, musste dieser bei seiner Fülle locker nochmal ca. 40 kg mehr auf die Waage bringen. Und das nur geschätzt. Nur wie es so ist, wenn zwei so füllige Menschen auf engen Raum sind. Diese sind sich laufend im Weg. Satte 12 Schritte musste ich machen um mein Negativvorbild zu umrunden. Ich rechnete innerlich, wenn es bei diesem Menschen schon 12 Schritte dauerte und ich wieder die Proportionen beachtete musste wären es bei mir immer noch etwa 9 Schritte um mich zu umrunden. Ich hatte schon Probleme mit dem Klamottenkauf, im Auto versuchte ich mir vorzustellen, wo dieser Mann denn seine Klamotten beziehen würde.

Zum Abend ging ich nochmal auf Fototour. Ich hatte ziemlich alles dabei, nur nichts zu trinken. Auf dem Heimweg fuhr ich drum bei einem Einkaufscenter vor. Drei Männer, die sich an Bierflaschen festhielten um nicht umzufallen, machten eigentlich alles und jeden blöd an. Ich hörte nur noch wie einer der Drei sagte: „Der hat wohl seine Kartoffelchips für den Film heute abend vergessen.“ Autsch, das saß.

Gut ich trinke eh fast nie Bier. Limo bin ich auch kein Fan, weil man meistens hinterher nochmal soviel Durst hatte, wie man vorher schon hatte und noch mehr von dieser Nicht-Durst-Löschenden-Plörre in sich reingegossen hat. Im Vorbeigehen sah ich das der Markt eine neue Fruchtmolke hatte. Eigentlich war ich ja mit dem Markt sauer, weil die Molke mit dem Sonnenorangengeschmack nicht mehr zu bekommen war. Nun gibt es Erdbeer-Apfel. Kann man ja mal probieren.

Im Vorbeigehen nehme ich noch eine Buttermilch und ein Päckchen Fruchtmüsliriegel mit Apfelgeschmack mit. Bezahle. Gehe raus. Man konnte sichtlich erkennen, wie dem Mann der mich eben noch zum Kartoffelchips kaufen geschickt hatte, die Kinnlade nach unten viel, als er mich mit einer solchen geballten Kraft Energie aus dem Laden schlendern sah. Die Molke hatte ich dann gleich im Auto getrunken, einen der 6 Riegel probiert und für deutlich zu süß befunden. Die Buttermilch gab es dann abends bei der Spätmalzeit zu ein paar frisch geputzten Erdbeeren.

Irgendwo war es einfach wieder da, was mich früher eigentlich ausmachte. Das in „keinen Schubkasten passen wollen“. Ich habe es schon früher mehr als nur gehasst, wenn einem Menschen, die einen nicht kennen und mehr als diese von einem gesehen haben auch wohl nie von einem wissen werden, glaubten mich in irgendwelche Kategorien einteilen zu können. Wenn etwas mir zu wieder war, wird innegehalten, analysiert, ein Ergebnis erzielt und entsprechend gehandelt, auch wenn dies dann ggf. eine 360 Grad-Drehung beinhaltet.

Außerdem, was mache ich mir über den Mann mit der Bierflasche Gedanken? Ich bin schlank, man sieht es eben nur noch nicht.

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