Ich glaube, Sie wollen sich gar nicht operieren lassen

Schon als ich den Stuhl im Wartezimmer in besetzte, pochte in meinem Kopf eine Frage: “Was mache ich eigentlich hier?” Von der Adipositassprechstunde hatte ich vor etwa 10, 15 Jahren schon mal was gehört. Da waren Berichte in der Zeitung von Menschen mit zuviel Kilos, die sich in regelmäßigen Zirkeln untereinander austauschen. Fachmediziner unterstützten die Abnehmwilligen bei ihrem schwierigen unterfangen, sich zu erleichtern.

Was mich stutzig machte war, das nirgendwo mehr Termine von diesen Zirkeln hingen und der Fachmediziner, der dieses Zentrum leitete war ein Chirurg. Warum kein Arzt der sich mit Magen und Darm, Ernährung oder innerer Medizin auskannte?

Es dauerte einige Zeit bis ich hereingerufen wurde. Im Raum des Arztes stand eine Waage auf der man auch einen Elefanten oder zumindest ein Elefantenbein hätte wiegen können. Und integriert in der Waage war eine Vorrichtung mit der man genauestens bestimmen konnte, wie viel der werte Körper für das gemessene Gewicht zu klein war.

“Sie haben schon seit Ihrer Kindheit Übergewicht?”, fragte mich der Mediziner mit einem stark rollenden R in der Aussprache, was seinen osteuropäischen Namen nur noch weiter betonte.

“Ja”, antwortete ich. Das einzige Mal dass ich in der Schule Normalgewicht hatte, war bei der Einschulung und das bevor ich die Schultüte leer gefuttert hatte.

“Haben Sie schon Abnehmversuche hinter sich?”, kam als zweite Frage hinterher.

“Aber sicher…, ich hatte mich vor einigen Jahren schonmal mehr als halbiert.”, bestätigte ich wahrheitsgemäß.

“Also Abnehmen ohne Erfolg…”, wiederholte der Mediziner.

“Moment, wo ich abgenommen habe, hatte ich schon Erfolg.”, widersprach ich. “Ich bin später auch wieder gelaufen. Wettkämpfe, Halbmarathon…”

“Und trotzdem sind Sie jetzt schwerer, als vorher…”, antwortete der Weisskittel knapp.

Die weiteren Fragen folgten nur diesem einem Schema, während der Medizinmann mit dem rollenden R fleissig ein digitales Formular ausgefüllt.

“Wir machen folgendes”, setzte der Arzt an und zog dabei eine Schautafel von der Decke herunter. “Wir verkürzen Ihren Magen hier”, dabei kreiste ein Lichtpunkt aus dem Kugelschreiber, die entsprechende Stelle ein. “Übergehen das meiste von ihrem Darm und schließen den Magen hier an.”, und wieder kreiste ein Lichtpunkt an einer Stelle am Ende des Darms.

“Damit können Sie nur noch kleine Mahlzeiten aufnehmen und dadurch, das die Mahlzeit schneller durch den Körper wandert, werden weniger Kalorien aufgenommen.”, lautete die weitere Erklärung.

“Was ist aber dann mit dem Rest?”, fragte ich etwas ungläubig.

“Welchem Rest?”, wollte der Arzt nun wissen.

“Na, der Rest der da Umgangen wird?!? Bleibt der dann nutzlos im Körper?”, setzte ich nach.

Eigentlich wollte ich mit dem Arzt nicht darüber sprechen, ich wollte eigentlich Hilfe, wie ich wieder dahin komme, wo ich vor drei, vier Jahren noch war. Bei einem Gewicht um die 100 Kilo, wo ich relativ wenig Probleme hatte und gut mit leben konnte.

Die Erklärungen waren eher mau. Und irgendwie fühlte ich mich auch nicht so richtig ernst genommen, da der Arzt redete und weiter schrieb, ohne richtig beachtet zu werden.

“Das ist Ihre einzige Chance.”, bestätigte mir der Mediziner immer wieder.

Der Drucker rumpelte, quietschte und zog mehrere Blätter Papier durch. “Das geben Sie der Krankenkasse und wenn die das bestätigt hat, melden Sie sich wieder hier…” Quasi so selbstverständlich, wie ein Autohändler der sich sicher war, das er gerade ein Auto verkauft hat.

So gegen Ende, des Gespräches meinte der Arzt dann: “Ich glaube, Sie wollen sich gar nicht operieren lassen.” Ich dachte nur: “Gut erkannt.” und verabschiedete mich höflich.

Um ehrlich zu sein, ich vermisste so einiges. Einmal das man auf meine Einwände einging. Was ich aber noch mehr vermisste, war das man auch über die Probleme und Risiken sprach.

Ich kenne einige Menschen, die derartige Eingriffe hinter sich haben, aber hinterher nicht mehr alles essen konnten, mit Dauerdurchfällen kämpften oder wo sich der Körper dann irgendwie an die neue Situation gewöhnt hatte und am Ende statt einer Abnahme sich die Kilos so nach und nach zurückschlichen.

Es ist ja nicht so, das ich den Arzt nicht verstehe. Er und sein Krankenhaus verdienen gut Geld an so Operationen und der Nachsorge. Aber irgendwie habe ich das Gefühl das es, wie mit vielen Eingriffen an Gelenken ist, das hier Wirtschaftlichkeit vor der Gesundheit geht. Das Ergebnis, kann unter Umständen ähnlich sein. Dafür Verdient der Ausführende mehr an bestimmten Behandlungsformen.

Nach dem Termin saß ich kopfschüttelnd auf meiner Couch, sah das Schreiben vom Arzt an, welches ich der Krankenkasse geben sollte. Mit der einen Hand griff ich neben die Couch und zog das Streifenfax hervor und ließ den Arztbrief mit einen Schubs in dem Gerät sich in viele zerfetzte Bestandteile auflösen. Ich wusste schon was mein Hausarzt dazu sagen würde, wenn er davon erfährt: “Beratungsresistent”. So sehe ich mich eigentlich nicht, ich gehe nur meinen Weg, auch wenn es nicht immer der einfachste ist.

Bild/Layout: canva

Hat Dir Gefallen was Du gelesen oder gesehen hast? Dann teil den Beitrag doch einfach in den sozialen Medien.
Kommentare zu den Beiträgen sind immer gerne willkommen.
Du hast Tipps oder Anregungen? Dann schreib mir doch unter blog@norbx.de.
Sei der erste der diesen Beitrag teilt!
Share:
Norbert Beck

Author: Norbert Beck

Einst war er schlank, man sah es aber nicht. Dann befiehl ihn der Spirit of the Hawk. Nun ist er nur noch Norbert Beck und will eigentlich nur eins: Gesund werden.

Related Articles

1 thought on “Ich glaube, Sie wollen sich gar nicht operieren lassen

  1. Die Chirurgen halten diese OP immer noch für das absolute Non Plus Ultra.
    Dabei kenne ich nicht wenige Patienten, die nach der OP ihre Ernährung nicht umstellten und nach 1 Jahr das Gewicht wie vor der OP hatten.
    Gab dazu mal eine sehr gute amerikanische Doku-Serie mit einem iranischstämmigen Chirurg in den USA, dem das alles sehr bewusst war.
    Wenn man aber bereit ist, sein Leben zu ändern, kann diese OP aber was bringen. Ich kenne auch sehr positive Beispiele.

    MfG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.