Der Landpirat – Ein Mann und seine zwei Heimaten

Um es gleich mal klarzumachen, ich bin gebürtiger Dietemann. Dietemann, das ist man, wenn man in der kleinen verträumten nordhessischen Stadt Eschwege geboren ist. Meine Definition von Dietemann ist, wenn man weit weg war und dann ins Werratal kommt, den Leuchtberg und den Leuchtturm von der Ferne sieht und sich aufs Heimkommen freut. Was aber, wenn man nicht nur ein Zuhause hat?

Zum Reisen bin ich verhältnismäßig spät gekommen. Meine Eltern hatten ein Haus gekauft, stotterten dieses brav – wie so viele in Ihrer Generation ab – und waren ebenso oft genug am Limit des Geldes. Urlaub? Was ist das. Immer gab es irgendwo was zu werkeln, immer ging irgendwo was kaputt.

Erst mit dem Tod meines Vaters war ich, damals noch mit meiner Mutter häufiger in Deutschland unterwegs. Wir waren nochmal bei Ihr zuhause im Sauerland, wo sie aus dem westfälischen Städtchen Hemer stammte. Hemer liegt im merkwürdigen Kreis. Sorry, märkischen Kreis, nahe Iserlohn. Das dürfte der ein oder andere zumindest vom Eishockey her kennen. Wobei ich bei Rooster immer noch mehr an ein gutes Grillhähnchen, als an ein Profi-Eishockey-Team denke.

In ihrer Jugend, war meine Mutter auch viel unterwegs. In Mecklenburgischen auf einem Bauernhof, irgendwo in und um Heidelberg, zwischen Weinbergen an der Mosel, aber eins hatte sie noch nie gesehen: das Meer. Ihr Traum war es immer schon einmal an die Nordsee zu fahren. Ich fing an mich zu belesen. Da gibt es die teureren Urlaubsziele: Sylt. Helgoland. Also die Inseln. Es gibt die Niedersächsische Nordseeküste, die schleswig-holsteinische von Brunsbüttel bis rauf hinter Husum.

Ein Reiseführer erzählte was von der größten Krabbenkutterflotte an der deutschen Nordseeküste und die war in Friedrichskoog. Damals hatte dieser Ort noch einen Hafen. OK, einen Hafen hat er immer noch, aber dieser Hafen hat keinen Zugang zur Nordsee mehr, was etwas unpraktisch für die Krabbenfischerei ist. Die meisten Schiffe die früher in Friedrichskoog lagen, gehen heute im nahen Büsum vor Anker.

Schon im ersten Urlaub war es geschehen. Ich verliebte mich in das Land und die Leute dort oben. Die nordische Freundlichkeit – manch einer sieht es als Sturköpfisch an –, die netten Konversationen – alles was über Moin, hinausgeht ist schon geschnuddel -, das weite Land – man sieht wörtlich mittags schon, wer nachmittags zum Kaffeetrinken kommt, das Speisekarte – ich liebe einfach alles zwischen Kohl und Fisch -, die steife Brise, die Unberechenbarkeit, die Nordsee.

Manch einer beschreibt mich als Technik-Nerd. Ja, es mag sein, dass ich viel mit Technik spiele. Aber wenn ich die Wahl hätte von heute auf morgen mein Leben auf der NCC 1701-D (den Startrek-Fans als Picards Raumschiff Enterprise) weiterzuleben oder einem Segelschoner die Welt zu umsegeln, würde ich zur Überraschung aller, das Segelschiff wählen.

Szenenwechsel.

Vor 10 Jahren war ich schonmal dabei mich zu verschlanken. Einer der Auslöser, war unter anderem Bernd Stelter und sein Buch „Wer abnimmt, hat mehr Platz im Leben“. In einer lustig lockeren Art beschrieb er die Fortschritte, wie er vom Couchpotato zum Galopper des Jahres wurde. Natürlich führte ich mir auch seine weiteren Werke zu Gemüte, genauso wie ich derzeit seinem dritten Holland-Krimi „Falsches Spiel um schwarze Muscheln“ als Hörbuch höre.

Bernd, ich hoffe das er es mir nicht übelnimmt, wenn ich ihm nur mit seinem Vornamen anrede, beschreibt viel von seinen Urlauben an der Küste. Genauer genommen auf der holländischen Halbinsel Walcheren, wo er einen Camping-Waagen stehen hat und im Jahr, so es den möglich ist, viel Zeit verbringt.

Vom Humor kommt mir Bernd auch sehr nahe. Nie wirklich unter der Gürtellinie. Vieles, trotz eines Alters von 50+ Jahren, immer noch mit den Augen wie ein Kind, was gerade sein erstes Fahrrad bekommt betrachtend und so herrliche Wortkreationen. Worte wie Lebensmittelschwangerschaft, habe ich bei ihm kennengelernt und in meinem Sprachgebrauch aufgenommen.

Wobei ich auch gerne mal davon Rede, dass ich irgendwann mal einen Clown verschluckt habe, aber nicht wusste das dieser über 10 Jahre zum Verdauen braucht. Stellt sich nur die Frage, warum ich das ein zweites Mal gemacht habe? Schmecken Clowns so gut?

Am Ende bleibt es dabei, wie es Bernd zum Abschluss seiner Programme besingt: „Ich bin ein Clown und ich will gar nichts anders sein. Ich bin der der Faxen macht, ich will das ihr lacht…“

Bernd ist ein Meister der bildlichen Beschreibung. Wie er in seinen Büchern beschreibt, wie er sich einen Campingwagen gekauft hat, wie der Urlaub in Holland ist mit diesen vielen kleinen Anekdoten und Geschichten um die Orte drumherum. Da möchte man sich gerne selbst sofort einen Wohnwagen kaufen und einen dieser schönen neuen Stellplätze auf diesem Camping de Grevelingen anmieten und auch dort einen Teil seines Lebens verbringen.

OK, mein Ziel wäre trotzdem Nordfriesland. So, wie es für Bernd der Autobahnring um Antwerpen ist, ist es für mich der Elbtunnel, nach dessen durchfahrt gen Norden irgendwie die Landschaften grüner erscheinen, die Luft ein salzig gesundes Aroma annimmt und auch das Wasser scheint irgendwie nasser zu sein. Sobald ich die Hochbrücke bei Hohenhörn überquert habe, fühlt sich das Ganze nicht mehr wie Urlaub an. Nein, ich komme nach Hause.

Warum nun aber gerade die Nordsee und nicht die bayowarischen Berge. Nun, bei den Bergen geht es immer bergauf. Fällt man runter ist man in der Regel auch ziemlich kaputt. Und steht man obendrauf, stellt man dann fest das auf der anderen Seite eine bequeme Seilbahn wen weg rauf sehr viel kürzer gemacht hat.

An der Küste kann man nicht vom Berg fallen. Die höchsten Erhebungen sind Leuchttürme und Deiche. Und der Wind und die Gischt pustet einem schon mal gern entgegen. Aber irgendwie fühle ich mich einfach als der Fels in der Brandung wohler, als ein kleiner dicker Moppel der vom Watzmann runter guckt.

Allein sechsmal war ich mit meiner Mutter in und um Friedrichskoog zu Gast, einmal in Wremen an der niedersächsischen Küste, zweimal in Hamburg und zuletzt auf der Halbinsel Nordstrand, wo wir eine schwerstbehindertengerechte Unterkunft gefunden hatten. Und irgendwas sagt mir, dass das noch lange nicht mein letztes Mal am „Meer küs(s)t Land“ gewesen ist.

Ich bin schon unter einer Stunde von Friedrichskoog nach Büsum mit dem Rad gefahren, nur um auf dem Rückweg gegen einen Sturm das dreifache an Zeit zu brauchen. Ich bin auf dem Trischendamm in die Nordsee gejoggt. Habe auf Helgoland die Lummen an der langen Anna beobachtet, sowie Robben am Stand. Ich habe Bernstein gesammelt und war auf einem Kutter und habe Krabben gefischt. Und auch auf einem Segelschiff habe ich schon übernachtet und Seile gezogen.

Ich kann nicht gut schwimmen. Mein Schwimmstil heißt Waldi und würde ich von Friedrichskoog nach Helgoland schwimmen, würde ich dabei die Nordsee leertrinken. Ich bin ein Sonntagskind, daher höre ich auf dem Meißner das Glöckchen der Frau Holle, genauso wie die Kirchturmglocke von Rungholt im nordfriesischen Wattenmeer. Daher bin ich der Landpirat. Der Mann mit zwei Heimaten im Werraland und am Nordseestrand.

Von diesen zwei Heimaten möchte ich Euch gerne berichten. Meine Erlebnisse, über Land und Leute, Historie sowie Sagen und Geschichten.

Bild: Norbert Beck/Layout: canva

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