Wenn man in Deutschland ein kreatives Projekt auf die Beine stellt, begegnet man früher oder später dem ultimativen Endgegner: der Bürokratie. Meistens schlägt sie in Form von unübersichtlichen Formularen, steuerlichen Fallstricken oder kryptischen Richtlinien zu, die einem die mühsam aufgebaute Autoren-Romantik innerhalb von Sekunden aus den Adern saugen. Doch es gibt diese eine, seltene Ausnahme, bei der die deutsche Gründlichkeit nicht etwa frustriert, sondern ein tiefes Gefühl der Genugtuung hinterlässt.
Die Rede ist von der gesetzlichen Ablieferungspflicht nach dem Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek (DNBG). Wer hierzulande ein Buch veröffentlicht und es der Öffentlichkeit zugänglich macht, darf – oder besser gesagt: muss – Belegexemplare an den Staat abtreten. Was auf den ersten Blick wie ein lästiger, unbezahlter Verwaltungsakt wirkt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als der wohl erhabenste Moment des gesamten Selfpublishing-Prozesses. Es ist das offizielle Ticket in die kulturelle Unsterblichkeit, und dass die gewählte Plattform Tolino Media diesen Schritt bei gedruckten Büchern nicht automatisiert im Hintergrund erledigt, ist in Wahrheit ein absoluter Glücksfall.
Der Paragraphen-Dschungel als Ehrenrunde
Das Prozedere ist denkbar geradlinig, hat aber den uncharme eines amtlichen Steuerbescheids. Sobald „Das Tagebuch eines Grenzschreibers“ physisch das Licht der Welt erblickt, läuft die Uhr. Als Verleger des eigenen Werks ist man verpflichtet, zwei gedruckte Exemplare an die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) zu senden – je nach Aufteilung entweder nach Frankfurt am Main oder Leipzig. Doch damit nicht genug: Die föderale Struktur Deutschlands verlangt zusätzlich ihren Tribut in Form von weiteren Pflichtstücken für die jeweilige regionale Landesbibliothek des Bundeslandes, in dem man seinen Wohnsitz hat.
Man bestellt also die ersten druckfrischen Autorenexemplare, packt sie in einen festen Karton und füllt den offiziellen Begleitzettel aus. Genau dieser Akt des analogen Einpackens und Adressierens ist der reale, haptische Beweis dafür, dass man die Ziellinie überschritten hat. Eine Datei auf einen Server hochzuladen, fühlt sich im digitalen Zeitalter flüchtig an; es ist ein abstrakter Datenstrom. Aber ein Paket zu schnüren, auf dem als Empfänger eine Bundeseinrichtung steht, zementiert den Status als Verleger nachhaltig. Das ist die endgültige Transformation vom reinen Textproduzenten zum offiziellen Urheber eines bleibenden Kulturguts.
Die wunderbare Ironie des Grenzschreibers
Man muss sich die Konstellation einmal auf der Zunge zergehen lassen: Ein Buch, das sich inhaltlich um historische Satire, regionale Identitäten, Grenzen und das augenzwinkernde Aufspießen von Verwaltungshürden dreht, wird durch den urtypischsten deutschen Verwaltungsakt überhaupt besiegelt. Authentischer lässt sich ein solches Projekt kaum abschließen.
Das eigenhändige Ausfüllen des behördlichen Begleitschreibens, das genaue Abmessen des Portos und der Gang zur Postfiliale fügen sich nahtlos in das Gesamtkonzept ein. Es ist quasi der finale, reale Eintrag im Tagebuch des Schreibers. Man unterwirft sich dem System nicht zähneknirschend, sondern man zelebriert es als die perfekte Meta-Ebene für das eigene Werk. Wer über Bürokratie und Geschichte schreibt, darf sich die Chance nicht entgehen lassen, selbst ein winziger Teil davon zu werden.
Das Non-Volatile-Backup für die nächsten Jahrhunderte
Als IT-affiner Mensch ist man ständig besorgt um Datensicherheit, Backups und die Vergänglichkeit von Speichermedien. Festplatten sterben, Cloud-Anbieter ändern ihre Geschäftsbedingungen, Serverlandschaften werden migriert, und digitale Formate veralten schneller, als man die Dokumentation dazu lesen kann. Was heute als ePub-Datei modern ist, lockt in fünfzig Jahren niemanden mehr hinter dem Ofen hervor.
Gedrucktes Papier auf säurefreiem Untergrund hingegen ist das ultimative Langzeit-Backup. Die Deutsche Nationalbibliothek lagert die eingereichten Pflichtexemplare nicht in irgendwelchen feuchten Kellerecken, wo sie vor sich hin modern. Sie wandern in hochmoderne, klimatisierte Tiefmagazine, die dafür gebaut wurden, die Jahrhunderte schadlos zu überdauern. Sie werden katalogisiert, digital erfasst und für alle zukünftigen Generationen von Historikern, Forschern und neugierigen Lesern konserviert.
Wenn in zweihundert, dreihundert oder fünfhundert Jahren ein Historiker das regionale Leben und die satirischen Strömungen unserer Epoche erforschen will, wird er in den Archiven der Nationalbibliothek auf genau die zwei Bücher stoßen, die man heute eigenhändig verpackt und zur Post gebracht hat.
Das ist ein physischer Fußabdruck im kollektiven Gedächtnis der Nation, der den digitalen Wandel mühelos überstehen wird. Jedes Byte, das wir heute auf Servern hin- und herschieben, wird dann längst gelöscht oder unlesbar sein – aber das gedruckte Buch im Staatsarchiv bleibt bestehen.
Die persönliche Qualitätskontrolle
Ein weiterer, unschätzbarer Vorteil der Eigenleistung liegt in der emotionalen Komponente. Wer die Pflichtabgabe an einen Dienstleister abtritt, bekommt den eigentlichen Abschluss seines Projekts gar nicht mit. Das Buch wird anonym über eine Schnittstelle gedruckt und direkt an die Behörde weitergeleitet.
Wenn man den Prozess jedoch selbst in die Hand nimmt, gehen die Bücher ein letztes Mal durch die eigenen Finger. Man öffnet den Karton der druckfrischen Lieferung, atmet den unnachahmlichen Geruch von frischer Druckerschwärze und Papier ein, prüft die Festigkeit des Einbands und kontrolliert die Farbpracht der mühsam abgestimmten Illustrationen. Man hält das Endergebnis monatelanger Arbeit in den Händen und kann – wenn man eine Prise persönlichen Humor besitzt – den Archivaren in Leipzig oder Frankfurt sogar eine ganz diskrete Widmung auf der ersten Seite hinterlassen.
Das Verpacken der Pflichtexemplare ist kein lästiger Pflichttermin, den man schnell hinter sich bringen will. Es ist die Ziellinie. Und die überquert man nicht klammheimlich im Hintergrund, sondern erhobenen Hauptes am Postschalter.
