12. Juni 2026

plötzlich wieder schüler

Ein Lektorat ist eine ganz besondere Erfahrung. Im besten Fall findet der Lektor nur ein paar kleine Tippfehler, passt auf, dass die Logik der Geschichte stimmt und die Figuren nicht mitten im Kapitel ihre Eigenschaften wechseln. Er sucht den roten Faden, prüft historische Fakten, achtet auf den Lesefluss und stupst einen an, wenn die Erzählstimme oder die Perspektive mal aus dem Ruder laufen.

Obwohl der Lektor die erste kritische Stimme ist, fühlt man sich als Autor plötzlich unwillkürlich in die Schulzeit zurückversetzt. Die Klassenarbeit ist abgegeben, und man wartet mit diesem flauen Gefühl im Magen: War es jetzt gut, oder reicht es am Ende doch nur für eine Vier?

Dabei geht es einem guten Lektor überhaupt nicht darum, die Arbeit zu bewerten oder Noten zu verteilen. Seine eigentliche Aufgabe ist es, Hand in Hand mit dem Autor das Beste aus der Vorlage herauszuholen und das Manuskript gemeinsam fit für die Veröffentlichung zu machen.

Vielleicht fühlte es sich für mich nach über dreißig Jahren einfach deshalb wieder wie die Schulbank an, weil es das erste Mal war, dass ich ein Buch aus der Hand gegeben habe. Als das Manuskript dann mit einer Vielzahl an roten Notizen zurückkam, dachte ich im ersten Moment: Also doch wieder Schule.

Beim genauen Hinsehen war es dann aber gar nicht so wild. Oft waren es bloß Flüchtigkeitsfehler oder kurze Hinweise auf Wortwiederholungen, bei denen eine Straffung dem Text einfach guttat. An einer Stelle hatte ich Dynamit erwähnt, obwohl es in der beschriebenen Epoche eigentlich nur Schwarzpulver gab. Und einmal hatte sich ein echtes Plot-Hole eingeschlichen – ich hatte im Kopf zwar genau gewusst, wie die Geschichte weitergeht, es aber schlicht nicht aufgeschrieben.

Richtig ins Grübeln brachte mich dann aber eine Anmerkung zu dem Kapitel über Frau Holle und die Kalbe. Da stand vom Lektor: „Vielleicht noch mal überarbeiten, klingt ein bisschen sehr nach KI.“

Tatsächlich hatte ich im Vorfeld eine KI genutzt, um Rechtschreibfehler zu korrigieren. Ich hatte mir auch bei einer Handvoll Formulierungen unter die Arme greifen lassen, um den historischen Tonfall zu treffen, der so wunderbar zu Severin Markwart passt, dem Erzähler meiner Geschichten.

Das Paradoxe daran: Ob ich die Vorschläge der KI übernommen habe, lag ganz bei mir, und oft genug hatte ich die Ideen noch mal angepasst. Genau die Abschnitte, die mir beim Schreiben wo ich mir von KI habe helfen lassen, wurden nicht bemängelt. Ausgerechnet bei dem Kapitel, das sich in meinem Kopf absolut rund anfühlte, hieß es nun: „Klingt nach KI.“ Ehrlich gesagt weiß ich bis heute nicht genau, ob ich stolz darauf sein soll, dass ich wie eine Maschine formulieren kann, oder ob ich doch ein bisschen beleidigt sein darf.

Zwei Wochenenden habe ich schließlich gebraucht, um die Änderungen einzuarbeiten. In dieser Zeit habe ich auch gleich Severins Archiv – in anderen Büchern würde man wohl Referenzliste dazu sagen – überarbeitet und an die neuen Inhalte angepasst.

Rein vom Text her ist das Buch nun fertig. Trotzdem werde ich es mir jetzt ein letztes Mal selbst durchlesen. Einerseits, um die Geschichten noch einmal vor dem eigenen inneren Auge Revue passieren zu lassen, andererseits, um in Ruhe zu entscheiden, welche Illustrationen an welchen Stellen am besten wirken.

Am Ende war es eben doch ein bisschen wie eine Klassenarbeit. Man bekommt den Text mit viel Rot am Rand zurück und setzt sich an die Korrektur. Genau wie damals in der Schule – nur mit dem großen Unterschied, dass sich die Fehlerbehebung diesmal nicht wie eine Strafe anfühlte, sondern wie ein echter Befreiungsschlag und ein wunderbarer Meilenstein auf dem Weg zum fertigen Buch.